Verbotene Liebe: Geschiedener Religionslehrer lebt in Angst

08.10.2013   Ort: Bamberg  Von: Natalie Schalk  Fränkischer Tag

Kirchliches Arbeitsrecht Herr L. begeht jeden Tag Ehebruch. Das sieht zumindest die katholische Kirche so, denn seine Scheidung erkennt sie nicht an. L. ist Religionslehrer. Er will seine Stelle nicht verlieren. Dass in Freiburg nun erstmals eine deutsche Diözese auf Geschiedene und Wiederverheiratete zugeht, hat für Kirchen-Mitarbeiter wie L. existenzielle Bedeutung.

Grafik: Michael Karg
Grafik: Michael Karg
Herr L. hat Angst vor der Erzdiözese. Deshalb will er seinen Namen nicht sagen. Und deshalb bekennt er sich nicht zu der Frau, die er liebt. Herr L. ist katholischer Religionslehrer, seine Ehe wurde vor über zehn Jahren geschieden, doch das gilt nur vor dem Gesetz. Aus Sicht der katholischen Kirche ist er immer noch mit seiner Ex verheiratet und darf keine neue Beziehung eingehen. Für Katholiken gilt: "Bis dass der Tod euch scheidet".

Dass nun in Freiburg erstmals ein deutscher Bischof auf Geschiedene und Wiederverheiratete zugeht, hat nicht nur eine rein moralische Bedeutung, sondern für geschiedene Kirchenmitarbeiter wie L. eine ganz existenzielle: Ein Religionslehrer mit einer Lebensführung, die der christlichen Sittenlehre widerspricht, kann die Missio, also die Lehrbevollmächtigung für Religion, verlieren. Dabei spielt es keine Rolle, dass Herr L. an einer staatlichen Schule unterrichtet. "Für die Missio ist das Ordinariat zuständig", erklärt Ines Held vom Bayerischen Kultusministerium.

Von Problemen erfahre das Ministerium erst, wenn die Missio nicht mehr vorhanden ist. Ob sie freiwillig zurückgegeben oder entzogen wird, werde nicht erfasst, allerdings weiß Held von "Einzelfällen", in denen ein Reli-Lehrer sein Fach nicht mehr unterrichten durfte. "Das bedeutet nicht, dass er Angst um seinen Job haben muss. Er muss dann eben mehr Stunden in seinem zweiten Fach geben, eventuell auch zusätzlich an einer anderen Schule." Außerdem bestehe die Möglichkeit, sich an der Lehrerakademie für ein neues Zweitfach zu qualifizieren.

Versteckspiel und Glück im Geheimen

Herr L. ist aber gerne Religionslehrer. Und er ist überzeugter Katholik. "Ich finde Werte wichtig. Die Kirche bewahrt Werte, das vermittle ich auch meinen Schülern." Aber was Scheidung und Wiederverheiratung betrifft, müsse erlaubt sein zu fragen, wie verknöchert die Institution sei. "Ich finde, dass man das, was man tut, mit seinem Gewissen und dann mit dem da oben vereinbaren muss. Ich habe es nicht willentlich gemacht. Es ist halt passiert".

Er vertrete nach wie vor die Lehre der Kirche, nach der die Ehe auf Dauer angelegt ist. "Aber es funktioniert eben nicht immer", sagt er traurig. Als Herr L. Anfang 20 war, dachte er anders. Er erinnert sich an den Moment, als er nach der Trauung mit seiner Frau die Kirchentreppen herunterschritt, die Braut in Weiß, 100 Gäste, die Glück wünschten. Und Herr L. war glücklich. Etwa 15 Jahre später beichtete seine Frau ihm ihr Verhältnis mit einem Arbeitskollegen. Die Ehe war da schon lange nicht mehr gut. "Das Übliche: immer mal Streit, immer weniger Gemeinsamkeiten." Ein dreiviertel Jahr versuchte das Paar, sich zusammenzuraufen, bis es erkannte, dass es nicht geht. Herr L. zog aus, drei Monate später zog der neue Mann ein. Die Ex hat längst wieder geheiratet. Auch L. lernte eine andere Frau kennen. Damit begann das Versteckspiel.

Konkubinat besser als amtlich bescheinigter Ehebruch

"Ich wollte nicht für immer alleine bleiben", sagt der Mittvierziger, dem Familie sehr wichtig ist. "Und sie wusste, worauf sie sich einlässt: dass ich nicht mehr heiraten kann." Ein "Konkubinat" ist aus Sicht der Kirche leichter zu tolerieren als eine standesamtliche Wiederheirat: Obwohl letztere kirchenrechtlich ungültig ist, bescheinigt sie amtlich eine neue Lebenspartnerschaft - und somit den Ehebruch. "Die katholische Kirche macht Unterschiede im Grad der Loyalität, der verlangt wird", erklärt Ulrich-Arthur Birk. Der Sozialrechtler an der Universität Bamberg sagt, nur in der 1. Stufe sei vorgeschrieben, dass die Mitarbeiter Katholiken sein und das Kirchenrecht beachten müssen. "Das gilt für Leitungsfunktionen und Mitarbeiter mit erzieherischen Aufgaben." Also außer für Religionslehrer beispielsweise auch für Erzieher in einer katholischen Kindertagesstätte. L. erzählt von katholischen Religionslehrern aus seinem Bekanntenkreis: eine Lehrerin mit unehelichem Kind, zwei Geschiedene - keiner von ihnen hat eine Lebensführung, die dem Anspruch der Kirche genügt.

Angst vor Erpressung

"Es ist eine Gefahr, in der man lebt. Und ich kann mit der Situation leben. So lange nichts passiert" - so lange die Diözese nicht weiß, dass er mit seiner Freundin zusammenlebt. Den Schulleiter hat er aber informiert. Der warnte: "Passen Sie auf, was Sie im Unterricht sagen. Sie machen sich erpressbar."

L. wohnt mit seiner Partnerin weit genug weg, um in der Freizeit keinen Schülern über den Weg zu laufen. Wenn doch, gehen die Kinder ganz selbstverständlich davon aus, dass die Frau an seiner Seite seine Ehefrau ist: "Guten Tag, Frau L.", sagen sie. Die Frau würde nie sagen, dass sie einen anderen Namen hat.

Verzicht und Risiko

L. sieht das nicht als Lebenslüge. Er ist mit seinem Gewissen im Reinen. "Aber es geht auch um die Partnerin. Ich liebe diese Frau!" Auch sie ist sehr christlich, die Ehe bedeutet ihr viel. L. weiß, dass sie ihm zuliebe darauf verzichtet. Und er geht das Risiko ein, wegen ihr die Missio zu verlieren. Manchmal reden sie darüber, wie es wäre, zu heiraten. "Aber nicht oft. Es ist halt so. Bis zur Pensionierung könnte ich sie nicht heiraten." Das Paar hat dadurch auch finanzielle Nachteile: "Uns stünde ein Verheiratetenzuschlag zu, den ich die nächsten 20 Jahre nicht bekomme. Und es geht auch um die finanzielle Absicherung meiner Partnerin."






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Kommentare


#3  pege71 - 09.10.2013 10:32   

Herr L. hat bei der Überreichung seiner Missio
etwas zugesagt, nämlich sich in seiner Lebensweise usw. an die geltenden Regeln der katholischen Moral und Sittenlehre zu halten. Und dagegen verstößt er nunmal, wenn er sich scheiden lässt und wieder heiraten will. Zumindest auf der rechtlichen Seite ist dies ganz klar geregelt. Wie der Umgang der Kirche damit ist, ist eine ganz andere Seite. Häufig kommt die rechtliche Komponente nur da zum Tragen, wo eben auch jemand in der Öffentlichkeit steht, sprich der Priester, der mit einer Frau zusammenlebt, der Religionslehrer, der Direktor der Caritas usw., die Sekretärin bei der Caritas, die keinen Publikumsverkehr hat, ist u. U. gar nicht betroffen und die MitarbeiterInnen in Pflegeheimen evtl. auch nicht. Vielleicht auch nur solange nicht, bis sich jemand beschwert und offiziell nachfragt.
Das alles ist aber in den Arbeitsverträgen geregelt, die die katholische Kirche als Tendenzbetrieb hat. Und diese werden auch vom Staat und von staatlichen Gerichten so anerkannt.

Es ist eine Verquickung von Arbeits- und Kirchenrecht auf der einen Seite und von Seelsorge und pastorales Handeln auf der anderen Seite. Papst Benedikt hat sehr stark immer das Kirchenrecht betont, Papst Franziskus betont eher das seelsorgerische Handeln.

Und auch was jetzt in Freiburg geschrieben wurde, geht auch nicht auf die rechtliche Sichtweise, sondern auf die seelsorgerische und pastorale Seite, nämlich, wie geht man mit den Menschen um, die aus welchen Gründen auch immer, in diese Lage gekommen sind.
Übrigens gab es Anfang der 90er jahre schon mal so einen Vorstoß der oberrheinischen Bistümer, in diese Richtung, der auch ganz klar zurückgewiesen wurde. Ich denke, in Freiburg wird es jetzt wieder ähnlich sein.

So sehr ich mir wünschen würde, dass die Seelsorge und Pastoral wieder in den Vordergrund rücken, so sehr habe ich meine Zweifel, obwohl es in der Kirchengeschichte viele Beispiele dafür gäbe, dass praktisches Handeln vor Ort irgendwann zum Kirchengesetz wurde.

#2  Steng2012 - 08.10.2013 23:57   

Mist
So einen Mist im FT zu verzapfen, ist blödsinnig. Vielleicht hängt das damit zusammen. dass im FT nur noch "Abartiges" ernst genommen wird und Ernstes nicht.

#1  franke2005 - 08.10.2013 19:40   

selber schuld
wenn man sich in die Knechtschaft der Kirche begibt.



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